Erinnerungslücke

Es gibt einen aktuellen Anlass, an die Breklumer Hefte und an ihre Bedeutung für die Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie und -Kirchenpolitik zu erinnern. Diese Hefte waren "Stimmen zur Bewahrung einer bekenntnisgebundenen Kirche in bedrängender Zeit". Sie setzten sich kritisch mit den glaubens- und christentumsfeindlichen Strömungen im Nationalsozialismus auseinander. Mit ihren hohen Auflagen (zwischen 10.000 und 65.000, in einem Fall sogar weit darüber hinaus) hatten sie reichsweite Bedeutung. Sie wurden teilweise verboten und eingezogen, was die Rarität der erhalten gebliebenen Exemplare erklärt. Nach dem Krieg gerieten die Breklumer Hefte in Vergessenheit. In den nordelbischen Bibliotheken waren sie nirgendwo vollzählig greifbar, nicht einmal in Breklum hatte man alle Titel aufbewahrt. Das führte bei Karl Ludwig Kohlwage, Manfred Kamper, Jens-Hinrich Pörksen und Peter Godzik zu der Überzeugung, die Breklumer Hefte samt dem Sonderheft "Die Nordmark im Glaubenskampf. Eine Antwort der Kirche an Gustav Frenssen" lesbar zu machen und in einer Gesamtausgabe der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Edition ist fast acht Jahrzehnte nach der erzwungenen Einstellung der Breklumer Hefte ein neues "Medienereignis" (Stephan Richter). Zeigt doch der Sammelband erstmals auf einem breiten Fundament, wie sich die Bekennende Kirche Schleswig-Holsteins in der NS-Zeit mit dem damaligen Zeitgeist auseinandergesetzt hat. "Die Hefte vermitteln eine lebendige Vorstellung vom Denken und Glauben, vom Kämpfen und Argumentieren von Christen in einer wichtigen geschichtlichen Epoche", unterstreichen die Herausgeber. Sie hoffen, dass sich die wissenschaftliche Theologie mit diesem Vermächtnis der Bekennenden Kirche stärker beschäftigen wird, nachdem die Breklumer Hefte so lange eigenartig ungeordnet und vor allem unausgewertet in der Vergangenheit geruht haben. (Presseerklärung vom 18. April 2018)

Und nun der Anlass: In der im April 2020 erschienenen Festschrift für Ruth Albrecht zum 65. Geburtstag "Erinnern, was vergessen ist", hrsg. von Rainer Hering und Manfred Jakubowski im Matthiesen Verlag Husum, kommen die auf dieser Website dokumentierten Forschungen, Beiträge und Editionen der "Geschichtswerkstatt: Die Bekennende Kirche in Schleswig-Holstein" mit keinem Wort vor,

Sebastian Borck resümiert (S. 173): "Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus sind von einigen Kirchenführern [er bezieht sich dabei auf Franz Tügel, Hamburg] und breiten Kreisen der protestantischen Bevölkerung anfangs auch spezifische Hoffnungen für die Kirche verbunden worden. Selbst das Bild, die systematische Verfolgung und Vernichtung der Juden sei gegen den Willen der christlichen Bevölkerung, die sich im repressiven Staat nicht habe artikulieren können, geschehen, entspricht nicht der Wirklichkeit." Von den Aktivitäten der zahlreichen jungen Pastoren in der "Bekennenden Kirche" kein Wort!

Borck kritisiert aber deren Selbstverständnis "Wir haben widerstanden" als ein solches, das "jedenfalls von heute her geurteilt - eine nüchterne und selbstkritische Aufarbeitung eher verhindert hat" (S. 175). Kein Wort von den vielfach vorgetragenen, geistlich bewegenden Worten zur Aufarbeitung der Schuld führender Vertreter der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein nach 1945: Wilhelm Halfmann, Wie sollen wir heute predigen? Rundschreiben an die schleswig-holsteinischen Geistlichen im Mai 1945; Martin Pörksen, Predigt auf der Vorläufigen Gesamtsynode der ev.-luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins in Rendsburg am 14. August 1945.

Helge-Fabien Hertz spricht im letzten Satz seines Beitrages (S. 169) gar von der "weitgehend NS-konformen Haltung der schleswig-holsteinischen Geistlichkeit im 'Dritten Reich'", die charakteristisch gewesen sei "trotz der zu berücksichtigenden Heterogenität in der Pastorenschaft". Drei Pastoren, die zugleich SA-Männer waren, werden beispielhaft erwähnt: Gerhard Springmann, Herbert Lerdon, Carl Krepper. Von den 322 Theologen (175 aktive Pastoren, 46 Pensionäre und mit 101 Personen die Mehrheit des Theologennachwuchses), die eingetragene Mitglieder der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein waren, kein Wort!

In der im Buch erwähnten Projektskizze seines Dissertationsvorhabens teilt Helge-Fabien Hertz mit: "Ausgangspunkt der Untersuchung ist die bewusst weitgefasste Fragestellung: Wie positionierte sich die Geistlichkeit in Bezug auf den Nationalsozialismus? Von dieser das Verhältnis zwischen Landeskirche bzw. Pastorenschaft und NS-Staat in den Fokus rückenden Fragestellung ausgehend werden die verschiedenen, relevanten Aktenbestände (Personalakten, Entnazifizierungsakten, kirchliche Bestände zu 'Kirchenleitung' und 'Deutsche Christen') ausgewertet." Von den Breklumer Heften kein Wort!

Hertz' Resümee lautet: "Das Dissertationsprojekt sucht ... eine solide Grundlage für eine differenziertere und damit präzisere Beleuchtung der Rolle der schleswig-holsteinischen Landeskirche im Nationalsozialismus zu liefern: So erweisen sich pauschale Charakterisierungen der (schleswig-holsteinischen) 'Bekennenden Kirche' als Widerstandsgruppierung vor dem Hintergrund eines großen heterogenen Verhaltens- und Einstellungsspektrums auch innerhalb dieser Gruppierung als ebenso wenig tragfähig wie allgemeingültige Aussagen von der 'Schuld der Kirchen' ..." (Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Mitteilungen 94/April 2018, S. 55)

Es ist erstaunlich, wie ohne Rückgriff auf die Breklumer Hefte allein aus den Akten ein zutreffendes Bild der damaligen Zeit gezeichnet werden soll. Das erinnert an die fundamentale Kritik von Heinz Eduard Tödt: "Die heute arrivierten Vertreter kirchlicher und allgemeiner Zeitgeschichte gewinnen ihre Rekonstruktionen der Vorgänge aus den Akten - viel­leicht mit ein paar Befragungen von Zeitzeugen - ohne unmittelbare Eindrücke von der damaligen Lebenswelt der Deutschen ..."  (Heinz Eduard Tödt, Komplizen, Opfer und Gegner des Hitlerregimes. Zur "inneren Geschichte" von protestantischer Theologie und Kirche im "Dritten Reich". Hrsg. von Jörg Dinger und Dirk Schulz, Gütersloh: Chr. Kaiser 1997, S. 383 f.)

Jens-Hinrich Pörksen hat schon in einem Votum als Anhang zum Brief an die Kirchenleitung vom 24. April 2014 die Darstellung der Bekennenden Kirche durch Stephan Linck in seinem Buch "Neue Anfänge?" kritisiert.

Nun wiederholt sich das Nichtbeachten wesentlicher Beiträge der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein noch einmal. Das hat Methode! Was soll bewiesen werden? Dass im Unterschied zu Gesamtdeutschland die BK in Schleswig-Holstein 1933 und in den Folgejahren keine nennenswerte Bedeutung hatte? Wer wichtige Dokumente, Vorträge und Symposien nicht zur Kenntnis nimmt und die Tagungen und Beiträge der "Geschichtswerkstatt BK in SH" ignoriert, wird niemals zu seriösen Ergebnissen seiner kirchengeschichtlichen Forschungen gelangen und sich dem Verdacht einer ideologischen Betrachtung einer zentralen Epoche der Kirchengeschichte aussetzen.

Peter Godzik, 4. Mai 2020

P.S. Inzwischen legen zwei Wikipedia-Artikel zum Thema vor: