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Integration der Flüchtlinge

In den letzten Kriegsmonaten und ersten Nachkriegsjahren kamen Hunderttausende von Flüchtlingen und Umsiedlern nach Schleswig-Holstein. Die Volkszählung vom Herbst 1946 zeigte das derzeitige Aus­maß der Bevölkerungszunahme im Bereich Schleswig-Holsteins: Rund eine Million Menschen lebten nun zusätzlich in diesem kleinen Lande; manche Ortschaften (wie Ahrensbök, Glücksburg, Kellinghusen, Mölln, Wyk) hatten mehr Flüchtlingseinwohner als Einheimische. Natürlich war damit auch die Anzahl der Katholiken im Lande gestiegen; aber der weitaus größte Bevölkerangsteil gehörte in Schleswig-Holstein vor dem Kriege wie nach dem Kriege der evangelischen Kirche an, nämlich von fast 2,6 Millionen Einwohnern waren fast 2,3 Millionen evangelische Christen. Unter den Flüchtlingen gab es im Herbst 1946 über 270 Geistliche, dazu kamen viele weitere kirchliche Mitarbeiter und ihre Angehörigen.

Die Kirchenleitung empfand die Flüchtlingsseelsorge und die Beschäf­tigung der Flüchtlingspastoren als eine außerordentlich wichtige, aber doch schwer zu lösende Aufgabe. Man sah in der unmittelbaren Nach­kriegszeit noch nicht, welche bleibenden Auswirkungen der Flüchtlings­strom haben würde. In Schleswig-Holstein als einem überwiegenden Agrarland konnte doch die Mehrzahl der Flüchtlinge aufgrund fehlen­der Arbeitsmöglichkeiten nicht für immer so bleiben! Würden sie aber nicht auch vielleicht eines Tages in ihre Heimat zurückkehren können, wie Präses Halfmann zum Advent 1945 in einem Brief an alle Geist­lichen - in Übereinstimmung mit der Meinung vieler damals - fragte : "Denn das letzte Wort über die Zukunft des Ostens ist noch nicht ge­sprochen; darum muß in den Vertriebenen die Verantwortung für die östliche Heimat lebendig bleiben."

Deshalb sollte man bedenken, daß "das Heimischmachen der heimat­los Gewordenen" im Bewußtsein ihrer Stellung als "Gäste" in diesem Lande und so auch in der Landeskirche zu erfolgen habe. Die Flüchtlinge müßten immer wieder an ihre Verantwortung für das kirchliche Brauch­tum im Osten erinnert werden, während andererseits die einheimischen Kirchenglieder - gegenüber den meist aus der Altpreußischen Union kommenden Flüchtlingen - unbedingt am evangelisch-lutherischen Be­kenntnis der schleswig-holsteinischen Landeskirche festzuhalten hätten; so schrieb die Vorläufige Kirchenleitung im Advent 1945 an die Pastoren der Landeskirche, und sie fügte die Bitte hinzu:

"An die einheimischen Pastoren und Pröpste richten wir die Aufforde­rung, die Gäste in die Ordnungen unserer Kirche, in ihre Frömmigkeit und landschaftliche Bestimmtheit einzuführen. Es muß durch Predigt und Unterweisung die Erkenntnis verbreitet werden, daß in den ver­schiedenen Formen doch zuletzt derselbe Geist lebt und der Eine Herr Aller angebetet wird."

Allen praktischen Erwägungen hinsichtlich dessen, was zum besseren Verstehen von Einheimischen und Flüchtlingen und zur Linderung der Not zu tun sei, sollte aber - wie an gleicher Stelle gesagt wurde - eine wichtige Erkenntnis vorangehen, nämlich die, daß auch in dem Zustrom von Tausenden und Abertausenden von Flüchtlingen nach Schleswig-Holstein Gottes Wille gegeben sei; in der "harten Faust Gottes, die uns geschlagen hat", sollte nach den "Segenskörnern" gesucht werden, "die darin verborgen sein müssen". (Kurt Jürgensen, Die Stunde der Kirche. Die Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, Neumünster 1976, S. 129 ff.)

Karl Ludwig Kohlwage: 50 Jahre Christus-Kirche Flensburg-Mürwik. Predigt am 2. November 2008 (online auf pkgodzik.de).

Marion Josephin Wetzel, Die Integration von Flüchtlingen in evangelische Kirchengemeinden: Das Beispiel Schleswig-Holstein nach 1945 (Kieler Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte), Münster: Waxmann 2009.