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Bonn-Kopenhagener Erklärungen

Präses Halfmann hatte sich im Juli 1946 in einer längeren Ausarbeitung "Die Schleswig-Frage, geschichtstheologisch gesehen" in die Grenzauseinandersetzungen ein­geschaltet und dabei die "christliche Verantwortung vor Gott" als Basis genommen. Ihm ging es zunächst um einen aufrichtigen Standpunkt in der Sache selbst, und deshalb scheute er sich nicht, das Hauptmotiv der südschleswigschen Bewegung, die Suche nach Ruhe, Frieden und mate­rieller Sicherheit, als eine Art doppelter Flucht bloßzulegen, als eine Flucht aus der Weltgeschichte, die zugleich Flucht vor Gottes Gericht sei: Es sei nicht recht vor Gott, das Angenehme zu wählen und dabei dem Kreuze ausweichen zu wollen. Und ganz gewiß: es war jetzt "ein Kreuz, Deutscher zu sein, den Haß der Welt zu tragen und viel Ungemach zu leiden". Wer aber dem aus dem Wege gehen wollte, gar Scham darüber empfinde, ein Deutscher zu sein, "der murrt ja wider Gott, so wahr es Gottes Schicksal und Satzung ist, daß ich Deutscher bin". (Kurt Jürgensen, Die Stunde der Kirche. Die Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, Neumünster 1976, S. 192)

Wilhelm Halfmann, Zur Bewältigung unserer Vergangenheit (1960), in: ders.: Predigten, Reden, Aufsätze, Briefe ... Kiel 1964, S. 135-142.

Wiederkehr des Nationalismus

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schleswig-Holsteins hatte sich in den Aussagen der verantwortlichen Kirchenmänner als eine "neue" Kirche profiliert, in der die Besinnung auf das Wesen und den eigenen Auftrag der Kirche das Verlangen nach einer klaren Abgrenzung gegenüber den staatlichen Gewalten ausgelöst hatte. Allerdings nahm Bischof Halfmann das Wort von der "neuen" Kirche nicht gerne in den Mund, wie auch der vom Bruderrat der Bekennenden Kirche bevorzugte Begriff der "jungen Kirche" ihm zu sehr als ein Operieren mit Schlag­wörtern erschien. Schon im August 1945 hatte Halfmann, damals noch Pastor, gesagt, daß es allein darauf ankäme, die Verkündigung und die in der Diakonie geübte Nächstenliebe recht zu tun und sich nicht irgend­einem "Schlagwort" als Leitmotiv anzuhängen.

Die Herausstellung des eigenen kirchlichen Auftrags bedeutete nun keineswegs einen Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Denn in dieser Welt hat sich die Kirche des Menschen anzunehmen. Vor allem gleich nach 1945 verstand die Kirche es als ihre Aufgabe, sehr sorgsam dar­über zu wachen, daß der Mensch nicht durch falsche "Heilslehren" Scha­den an sich selber nehme. So warnte Bischof Halfmann im Oktober 1949 vor der 6. ordentlichen Landessynode sehr eindringlich vor der Gefahr einer "Wiederkehr des Nationalismus", der sich seines Erachtens erneut "in wunderlichen Formen und Gestalten" zu äußern begann, und zwar im übersteigerten Nationalbewußtsein der Flüchtlingsverbände, im star­ken Heimatbewußtsein vieler Einheimischer und nicht zuletzt in dem neu entdeckten überschäumenden "Prodänentum" vieler Südschleswiger.

Niemand konnte sich der Tatsache verschließen: Nach dem Zusam­menbruch war in Südschleswig wieder ein Grenzkampf entbrannt, der deutsch- und dänischgesinnte Menschen leidenschaftlich gegeneinander aufbrachte und der die nach der Volksabstimmung im März 1920 er­folgte Grenzziehung wieder in Frage stellte. Das Volkstum war in Bewegung geraten. Zahlreiche Südschleswiger, die der dänischen Sprache nicht mächtig waren, suchten Anschluß an den Norden. Die dänischen Minderheitenvereinigungen steigerten ihre Mitgliederzahlen binnen kur­zem von etwa 5000 in der Zeit zwischen den Weltkriegen auf etwa 11 000 (Winter 1945/46) und etwa 62 000 (Winter 1946/47). Die ersten Nachkriegswahlen in Gemeinden und Kreisen im Herbst 1946 und für den Landtag im April 1947 machten das Ausmaß der neudänischen Orientierung ganz deutlich: In der Stadt Flensburg entfielen 66 Prozent der abgegebenen Stimmen auf prodänische Kandidaten, im Kreis Südtondern 36,7 Prozent, im Kreis Eiderstedt 32,9 Prozent, im Kreis Schles­wig 30,3 Prozent; in den südlichen Kreisen des Landesteils Schleswig wurden immerhin noch 12,6 Prozent (Eckernförde) und 7,1 Prozent (Rendsburg) der Stimmen für prodänische Kandidaten abgegeben. Im April 1947 konnte der dänische SSV sogar bei der ersten Landtagswahl nach dem Kriege insgesamt fast 100 000 gültige Stimmen auf sich ver­einigen. (Jürgensen, Stunde der Kirche, S. 190 f.)

Eduard Völkel, Kirche und Grenze. Ausarbeitung vom Juni 1946. Einzelstück (maschinenschriftliche Durchschrift) im LKA-Kiel; zitiert bei Jürgensen, Stunde der Kirche, S. 205 und 413 f.

Wilhelm Halfmann, Die Schleswigfrage, geschichtstheologisch gesehen; abgedruckt bei Jürgensen, Stunde der Kirche, S. 312-317.

Reinhard Wester, Die Kirche an der Grenze. Ausarbeitung zur Information für die Teilnehmer der Generalsynode der VELKD im April 1952 in Flensburg, in: Akte 21241 "Generalsynode Flensburg", Lutherisches Kirchenamt der VELKD-Hannover; zitiert bei Jürgensen, Stunde der Kirche, S. 195 und 408.

Reinhard Wester, Die Kirche an der Grenze, in: Walter Bauer, Hellmut Heeger, Friedrich Hübner, Walter Zimmermann (Hrsg.): Ich glaube eine heilige Kirche. Festschrift für D. Hans Asmussen zum 65. Geburtstag am 21. August 1963, Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk 1963,S. 175-181.

Kurt Jürgensen, Die Kirche im südschleswigschen Grenzkampf, in: ders., Die Stunde der Kirche. Die Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, Neumünster 1976, S. 190-209.

Kurt Jürgensen, Die Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins in der Herausforderung des schleswigschen Grenzlandes, in: Carsten Nicolaisen (Hg.), Nordische und deutsche Kirchen im 20. Jahrhundert. Referate auf der Internationalen Arbeitstagung in Sandbjerg/Dänemark 1981 (mit einem Kommentar von Troels Fink und einer Entgegnung Kurt Jürgensens), Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 1982, S. 91-121.

Klauspeter Reumann, Die dänische Kirche, in: ders., Der Kirchenkampf in Schleswig-Holstein von 1933 bis 1945. SHKG 6/1, 1998, S. 428-431.

Uwe Danker, Südschleswig 1945-1955. Vom letzten Kampf um Südschleswig zum dauernden Grenzfrieden, Kiel 1997.